Gedanken über mein erstes Unterrichtsjahr

Ich bin sehr dankbar für all die wunderbaren Erfahrungen, die ich in meinem ersten Jahr als „Lehrerin“ an dieser Schule sammeln durfte. Natürlich waren es nicht alles positive Erfahrungen, aber gerade die aufrührenden Erfahrungen waren jene, die mich als „Lehrerin“ sowie als Mensch „vorangebracht“ haben, weil sie mich dazu bewegt haben, etwas zu ändern und oft auch dazu, einfach etwas Neues auszuprobieren.

Eine solche Erfahrung hat sich bereits über die ersten Monate meines Unterrichtspraktikums ereignet. Ich schätzte mich mit meinen beiden Klassen sehr glücklich. Immer wenn mich Freunde und Bekannte gefragt haben, ob ich viele „Schlingeln“ in meinen Klassen habe, antwortete ich ihnen, dass ich so ein Glück mit meinen beiden Klassen habe und die Schülerinnen und Schüler wirklich allesamt liebe Menschen sind. Ende November stellte sich bei mir allerdings das Gefühl ein, dass ich meine Schülerinnen und Schüler, vor allem in der 3. Klasse, gar nicht wirklich kenne. Ich weiß zwar, wie sie in der Klasse mit den anderen interagieren und wie sie sich in den Unterricht einbringen, aber ich wusste nicht wirklich, welche Menschen sich hinter dieser Rolle als Schülerin oder als Schüler verbergen. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, dass ich, um das zu ändern, im Rahmen des Unterrichts nicht wirklich Zeit dazu habe. Der Grund dafür liegt darin, dass ich das Gefühl hatte, dass ich inhaltlich weitermachen muss, damit ich alle Themenbereiche bis zum Ende des Schuljahres „durchbringe“ und in erster Linie, dass ich für die Themenbereiche, die bei der nächsten Schularbeit abgefragt werden, genügend Zeit habe, um diese zu erklären und vor allem um den Schülerinnen und Schülern noch genügend Zeit zum Üben zu geben. Ich weiß, dass der Lehrplan gesetzlich vorgegeben ist und es unsere Pflicht ist, diesen zu erfüllen, allerdings hoffe ich sehr, dass mir im nächsten Jahr, vor allem zu Beginn des Schuljahres, trotzdem mehr Zeit für das Aufbauen einer „Beziehung“ zu den Schülerinnen und Schülern bleibt, nun wo ich doch schon ein „Praxisjahr“ hinter mir habe. Ich denke, dass es hierfür gar nicht mehrerer einzelner Stunden bedarf, sondern vielmehr mehrerer Stundenausschnitten von fünf bis zehn Minuten. Mein Ziel für nächstes Jahr ist, diese Zeit bewusst in den Unterricht zu integrieren, sodass ich dann nicht erst im 2. Semester das Gefühl habe, ein bisschen einen Einblick in die Menschen, mit denen ich mehrmals in der Woche zusammenarbeite, hinter ihrer Rolle im Schulsystem zu haben.

Aufgrund dieser Erfahrung war es für mich umso schöner, als mich die Schülerinnen und Schüler der 3. Klasse gefragt haben, ob ich mit ihnen ein Lied für die Hochzeit von ihrem Klassenvorstand einstudieren möchte, weil sie ihren Klassenvorstand gerne überraschen möchten. Natürlich konnte ich nicht „Nein“ sagen. Ich hatte dabei die Gelegenheit, die Schülerinnen und Schüler nochmals von einer anderen Seite kennenzulernen und es war für mich schön zu sehen, dass sie einen Teil ihrer Freizeit aufwenden, um diese Überraschung zu einer gelungenen zu machen. Es war auch schön zu sehen, dass nicht nur ich sondern auch sie solch einen Spaß dabei hatten. Am schönsten war es dann natürlich trotzdem, als die Überraschung vollends gelungen ist und ihr Klassenvorstand sich wirklich von ganzem Herzen gefreut hat.

Nicht nur mit der 3. Klasse sondern auch mit der 7. Klasse durfte ich schöne Erfahrungen machen. Jede Stunde in dieser Klasse war wahrlich ein Abenteuer, weil ich im Vorhinein nicht wusste, wann und wie mich die Jungs  nun heute wieder auf die Probe stellen. Zu Beginn war das für mich etwas unangenehm, aber schon nach wenigen Stunden habe ich mit ihnen einen guten Konsens gefunden und gemerkt, dass ich mit Humor eine gute Basis mit den Jungs gefunden habe. Wofür ich bis jetzt leider keine gute Lösung gefunden habe ist, dass den Mädls mehr Raum gelassen wird, sich ebenso aktiv in den Unterricht einzubringen wie die Jungs. Nicht nur einmal hatte ich aber das Gefühl, dass sie das gar nicht wollen und dass sie den Jungs gerne den „Vortritt“ lassen.

Was mir dann vor allem zu Ende des ersten Semesters schwer gefallen ist und was mir jetzt noch immer schwer fällt, was ich nun bei den Referaten in der 7. Klasse wieder merke, ist das Benoten. Ich glaube, dass es mir deshalb so schwer fällt, weil ich immer das Gefühl habe, dass ich die einzelne Schülerin/den einzelnen Schüler benote und nicht deren Leistung. Ich denke dabei an meine eigene Schulzeit zurück. Ich sah in dieser die Noten auch als eine Benotung für mich als Mensch an und nicht für meine Leistungen. Ich glaube, dass es vielen Schülerinnen und Schülern heute gleich geht wie mir damals und sie es auch nicht schaffen, bei der Notengebung zu differenzieren und zu erkennen, dass diese Noten nur auf ihre Leistung in dem jeweiligen Fach bezogen sind, nicht jedoch auf sie als Menschen. Vielleicht hat dies aber auch mit jenen Werten zu tun, die oftmals in der Gesellschaft vermittelt werden: Nur wenn du das, was von dir (von Seiten der Eltern, der Lehrerinnen und Lehrer, der Gesellschaft usw.) verlangt wird, mit Bravour meisterst, bist du ein „guter und wertvoller Mensch“.

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, bewusst auf diese unterschwellige Wertevermittlung hinzuschauen. Ich glaube, ich werde jetzt zu Ende des Schuljahres bei der Besprechung der Noten den Schülerinnen und Schülern klar sagen, dass mit dieser Note ihre Leistung beurteilt wird, nicht jedoch sie als Menschen. Die Note sagt zwar etwas über die Leistung im jeweiligen Fach aus, nicht jedoch über den Menschen. Auch wenn eine Schülerin/ein Schüler eine schlechte Note hat, ist sie/er als Menschen trotzdem etwas Besonderes und etwas Wertvolles. Ihr Wert als Mensch hängt nicht von einer Schulnote ab. Ich denke, dass sich viele Lehrpersonen, würden sie diese Sätze lesen, dagegen sträuben würden. Ich glaube, dass liegt bei vielen daran, weil sie die Note noch immer als eine Art Machtinstrument ansehen, dass sie zu einem großen Teil steuern können, auch wenn dies natürlich gesetzeswidrig ist. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese „Anschauung“ vielen gar nicht bewusst ist, weshalb ich jene keinesfalls „verurteilen“ möchte.

Ich bin sehr dankbar, dass ich in diesem Schuljahr mit so wunderbaren Menschen zusammenarbeiten durfte. Das erste Unterrichtsjahr war wirklich eine tolle Zeit. Dieses Jahr mit diesen besonderen Menschen hat mir wieder aufs Neue aufgezeigt, warum ich meinen Beruf liebe!

In diesem Sinne freue ich mich sehr auf die kommenden Schuljahre mit neuen Menschen und neuen Erfahrungen!

Autorin: Julia
Schultyp: Bundesgymnasium/Bundesrealgymnasium